Die Herde schützen – Biosicherheit

Den Gesundheitsstatus der eigenen Herde zu sichern, muss ein wichtiges Anliegen jedes Tierhalters sein.

Meist denkt man bei Begriffen wie «Biosicherheit», «Quarantäne» und «Desinfektion» an ansteckende Tierseuchen.

Doch nicht nur vor Krankheiten und Infektionen, die nach dem Tierseuchengesetz als «Tierseuche» gelten, solltest Du durch «geeignete Massnahmen» Deine Tiere schützen. An welche Massnahmen denkst Du dabei? 

Deine Tiere müssen gesund bleiben

Eine gute Biosicherheit auf dem Betrieb ermöglicht es, die Forderungen und Schlagworte unserer Gesellschaft in die Praxis umzusetzen:

  • Gute Tiergesundheit
  • Geringer Arzneimitteleinsatz
  • Hohes Tierwohl im Sinne des Tierschutzes

Externe Biosicherheit

Ansteckende Keime wie Viren und Bakterien können selbst keine grossen Strecken überwinden. Sie brauchen in der Regel einen Transporteur, um von einem Stall zum nächsten zu gelangen. Du musst das Einschleppen von Krankheitserregern in den Betrieb also verhindern.

Die grössten Risiken sind

  • Zukauf von Tieren mit unbekanntem Gesundheitsstatus
  • Tierkontakte auf Gemeinschaftsweiden / Alpen / Viehschauen
  • Indirekte Übertragung durch Stallbesucher (Menschen / Wild- oder Haustiere)
  • Einschleppung von Parasiten von der Weide / Alpe  

Wichtige Massnahmen für die externe Biosicherheit

Zutrittsregelungen

Wer betritt unter welchen Umständen einen Stall? Meist ist der Zutritt zu Kuhställen nicht geregelt. Viehhändler, TierärztInnen, Besamungsdienst und auch der Nachbar gehen im Stall ein und aus. Riskant!

Betriebseigene Kleidung

Fremde können in der Stiefelsohle, auf Kleidern oder unter den Fingernägeln immer auch Krankheiten mitbringen. Betriebseigene Kleider und Stiefel können den Bestand schützen. «Schmutzfinken» haben keinen Zutritt zum Stall! 

Eigene Hygiene

Gehe mit gutem Beispiel voran: Achte selbst auf saubere Hände, Kleider und Stiefel. Dann darfst Du darauf bestehen, dass fremde Personen ihre dreckigen Hände und Stiefel nötigenfalls vor dem Betreten deines Stalls reinigen.

Waschgelegenheit

Es braucht ein Brünneli mit fliessend warmem Wasser, Seife, frischem Handtuch und einen Schlauch mit ausreichend Druck zum Waschen der Stiefel. So können alle Fremden (inkl. Ausrüstung) den Betrieb auch wieder sauber verlassen.

Fahrzeugverkehr

Tiertransporteure oder auch Kadaverwägen, die von Hof zu Hof fahren, sind ein hohes Risiko. Vor dem Verladen sollten die Tiere daher bereits separiert sein – am besten weit weg von der Herde. Und: Tote Tiere nicht direkt am Stall abholen lassen.

Quarantäne

Neu-Zugänge für einige Tage vom Bestand absondern. Der Stress des Stallwechsels drückt die Abwehrkraft neuer Tiere. Sie scheiden mitgebrachte Erreger aus. Deshalb: Hände waschen und separate Überkleider anziehen!

Weidehygiene

Weiden und Alpen sind Übertragungsorte von Parasiten (Lungen-, Magendarmwürmer oder Leberegel), die auf den Wiesen ausgeschieden werden und dort überwintern. Der Infektionsdruck kann durch clevere Massnahmen gesenkt werden.

Hundekot

Spaziergänger sind sich oft der Folgen nicht bewusst, wenn Futter durch Hundekot verschmutzt wird. Durch Aufklärung kannst Du Futterqualität verbessern und Hygienerisiken minimieren. Der eigene Hofhund ist aber der kritischere Krankheitsüberträger.

Praxis-Tipp

Landwirt Werner erzählt: „Gestern kam mein Nachbar vorbei. Er war am Iglus ausmisten und wollte schnell einen neuen Dichtungsring für seinen Hochdruckreiniger ausleihen. Seiner war gebrochen. Ich habe ihn nicht gleich gehört. Bis er mich gefunden hat, ist er mit seinen dreckigen Stiefeln ungefähr drei Mal durch den ganzen Stall gerannt.“

Mit solchen Stiefeln geht man nicht von Stall zu Stall. Eigentlich hätte Werner genau das seinem Nachbarn sagen sollen. Ein höflicher Hinweis auf Hygiene ist immer erlaubt. 

Praxis-Tipp

Besamungstechniker Simon berichtet: „Auf meiner Besamungstour hängt in jeder dritten Milchkammer ein dreckiges Handtuch. Es ekelt mich jedes Mal, wenn ich an so etwas die Hände abtrocknen muss. Mittlerweile habe ich deshalb ein eigenes Handtuch im Auto, weil das gar so gruusig ist. Auch nicht ganz ideal, ich weiss - aber besser, als dass ich meine Hände ständig an meinem Schurz trockenwische.“ 

Ein solches Handtuch ist unhygienisch!

Das nasse Handtuch trocknet nicht recht und hinterlässt die Hände dreckiger als vorher.

Ein Gräuel für jeden Besamer und Tierarzt. 

Interne Biosicherheit

Die direkte Weiterverbreitung von Krankheitserregern im eigenen Betrieb geht durch den engen Tier-zu­-Tier­-Kontakt besonders schnell.

Eine indirekte Übertragung geschieht über sogenannte Vektoren. 

Häufige Vektoren sind

  • Stallpersonal
  • Tierarzt, Klauenpfleger und Besamungsdienst
  • Stallgeräte oder Behandlungsinstrumente
  • Natursprungstiere
  • Fahrzeuge
  • Nager (Mäuse, Ratten) Vögel oder der Hofhund
  • Fliegen
  • Futter und Wasser

Wichtige Einrichtungen für die interne Biosicherheit

An schmutzigen Händen und an getragener Kleidung haften häufig Erreger.

Sie werden so über den Vektor «Mensch» von Tier zu Tier übertragen werden. Eigene Sauberkeit und Hygiene beugt solchen Ansteckungen vor.

Ein typisches Beispiel ist die Übertragung euterassoziierter Mastitiserreger über die Hände des Melkers von einer Kuh zur anderen.

Fliessend warmes Wasser

Ein funktionierendes, grosses Brünneli mit fliessend warmem Wasser - Mit kaltem Wasser wäscht sich schliesslich niemand gerne gründlich.

Flüssige Seife

Ein Seifenspender und wenn möglich zusätzlich einer mit Desinfektionslösung für die Hände - Rissige, uralte Seifenstücke, grau vor Wagenschmiere laden kaum zum Händewaschen ein.

Saubere Handtücher

Saubere Tücher (z.B. aus Papier) zum Abtrocknen der Hände - Ein dreckiges, feuchtes Handtuch macht den Effekt des Händewaschens gleich wieder zunichte. 

Schlauch mit Wasserdruck

Stiefel sollten gezielt mit fliessendem Wasser gereinigt werden können - Ein Eimer mit stehendem Wasser inklusive dreckiger Bürste ist zum sauberen Waschen ungeeignet.

Praxis-Tipp

Tierärztin Christine erzählt: „Letzte Woche, Montag, hatte ich einen typischen Fall von Geburtshilfe während der Siloernte! Der Landwirt schickte mir seinen Stift zur Unterstützung. Der hatte gerade zuvor die Zapfwelle vom Ladewagen angehängt und seine Finger sahen entsprechend aus. Bevor der mir nur einen einzigen Kälberstrick anfasste, ging der zum Händewaschen – so nicht !“

Dreckige Hände haben bei der Geburtshilfe oder beim Melken nichts verloren. Händewaschen ist Pflicht. Bei rissiger Haut unbedingt zusätzlich Einweghandschuhe anziehen. 

Einweghandschuhe verwenden

Durch Einweghandschuhe senkst Du das Risiko einer Keimübertragung über die Hände.

Denn Gummihandschuhe haben weniger tiefe Poren, in denen sich Keime festsetzen können, als die Haut an den Händen.

Schliesslich schützen Einmalhandschuhe auch die eigene Gesundheit, wenn es sich um sogenannte Zoonose-Erreger handelt.

Besonders kritische Bereiche

Kennst Du die Paradiese für Bakterien und andere Keime auf Deinem Betrieb? 

Die Abkalbebox

Körperwarmes Fruchtwasser, das in eine keimverseuchte Umwelt läuft, ist ein Schlaraffenland für Bakterien. Kombiboxen, die Du für kranke Kühe und Geburten nutzt, bieten ihnen einen optimalen Nährboden. Du solltest deshalb die Abkalbebox nie als Krankenbox (miss-)brauchen.

Die Liegeboxen

Der permanente Eintrag von feuchtem Schmutz aus dem Laufgang in die Liegeboxen, sind ein Risiko nicht nur für die Eutergesundheit. Ständig feuchte Haut im Klauenbereich fördert ausserdem Panaritien (Grippeli) und Mortellaro. Ein trockener Laufbereich und gepflegte Liegeboxen verhindern dies.  

Der Kälberstall

Schmierige Durchfallreste in der Kälberbox bieten Bakterien gute Bedingungen. Kommen neue Jungtiere mit einem schwachen Abwehrsystem in diese verseuchte Umgebung, haben die Erreger leichtes Spiel. Ein Rein-Raus-Verfahren mit gründlicher Reinigung unterbricht die Infektionskette.

Die Kuhbürste

Hauterkrankungen werden z.T. von Milben oder Flechtenpilzen hervorgerufen. Alle Gegenstände, die mit veränderten Hautbezirken in Kontakt waren, sind potenzielle Vektoren. Bei Hautinfektionen im Bestand sollte die Kuhbürste daher abgehängt werden.

Der Stallstaub

Manche Keime können in trockenem Kot oder Staub überdauern. Wird keimbeladener Staub aufgewirbelt, können sich Krankheitserreger grossflächig verteilen. Besser ist es, den Stallstaub regelmässig zu entfernen.

Der Misthaufen

Häufig werde Abortmaterial oder Nachgeburten über den Misthaufen oder das Gülleloch entsorgt. Für Hunde (insbesondere den eigenen Hofhund) ist das eine «Delikatesse». Es entsteht eine Infektionskette, z.B. für Neosporose. Solche Abfälle gehören in die Kadaververwertung – und Hunde nicht in den Stall.

Fliegen als Überträger

Die Vektoren-Rolle von Fliegen und Stechmücken darf nicht unterschätzt werden. Eine gezielte Fliegenbekämpfung ist hinsichtlich der Herdengesundheit sinnvoll. Kritisch sind die Insekten insbesondere in diesen Zusammenhängen: 

Fliegen an der Zitze

Wenn die Fliegen im Sommer nach Abnahme des Melkzeugs von den kleinen Milchtröpfchen an der Zitzenspitze angelockt werden, übertragen sie Mastitiserreger von einem Euter zum anderen. Dippen der Zitzen mit Desinfektionslösung verhindert dies.

Fliegen am Galteuter

Die Erreger der «Sommer- oder Färsenmastitis» (Trueperella pyogenes – formerly known as Actinomyces pyogenes) werden ebenfalls von Fliegen von Euter zu Euter übertragen. Eintrittspforte sind die Zitzenspitze oder Stiche in die Zitzenhaut.

Fliegen am Auge

Fliegen können Augeninfektionen wie Pink-Eye (Weidekeratitis, IKB) übertragen. Es braucht aber eine Vorschädigung bzw. Verletzung der Hornhaut, damit die Erreger (Moraxella bovis) das Auge befallen können.  

Fliegen und Viren

Stechmücken (z.B. Gnitzen) übertragen Virusinfektionen wie die Blauzungenkrankheit oder das Schmallenbergvirus. Die mildere Witterung ermöglicht die Überwinterung ursprünglich südeuropäischer Mücken. Dadurch werde solche «exotische» Krankheiten zukünftig wohl zunehmen.  

 

 

Fliegen bekämpfen

Kälberboxen sind die besten Brutstätten für Fliegen, weil ihre Larven dort Mist und Milchreste vorfinden. Bei mehr als 20 Fliegen auf einem Kalb ist eine Grenze überschritten - Fliegenbekämpfung ist dringend!

Beratungsartikel

Weitere Informationen zur effektiven Fliegenbekämpfung findest Du im Beratungsartikel «Flugverbot im Frühling», Toro 04/2012  

Reinigung

Biosicherheit heisst nicht nur Deinen Bestand vor neuen Keimen zu schützen und deren Übertragungen zu verhindern. Bereits vorhandene Erreger gehören bekämpft. Dies gelingt durch Reinigen und Desinfizieren. Dadurch entziehst Du den Erregern die Lebensgrundlage und reduzierst ihre Anzahl. Alleine durch eine Reinigung mit Wasser und Seife lässt sich die Zahl der Keime auf einer Oberfläche um bis zu 90% verringern. 

Desinfektion

In sensiblen Bereichen oder bei hohem Infektionsdruck ist in eine zusätzliche Desinfektion nötig. Werden Schmutz und Beläge allerdings vorgängig nicht restlos entfernt, kann eine Desinfektion nicht wirken: Schmutz lässt sich nicht desinfizieren!  Beachte unbedingt alle Herstellerangaben – auch bezüglich des Arbeitsschutzes.

Unsere Empfehlung

Verschiedene Organisationen im In- und Ausland haben nützliche Merkblätter für Massnahmen zur externen und internen Biosicherheit veröffentlicht. Du kannst sie als pdfs herunterladen.