Besamer sehen mit den Händen
Das notwendige Fingerspitzengefühl lässt sich nur am lebenden Tier lernen.
Jutta Berger, wissenschaftliche Mitarbeiterin
«An die Kühe, fertig, los!» Stefan Buri, Teamleiter Reproduktion bei Swissgenetics, gibt den Startschuss für die Gruppe neuer Auszubildenden, mit der er sich für eine erste praktische Übung in einem Kuh-Maststall in Bützberg befindet. Er reicht den 15 angehenden Besamungstechnikerinnen und -technikern die Schachtel mit den langen orangenen Handschuhen in die Runde. Die greifen etwas unsicher zu und legen sie zum ersten Mal an. In der Theorie haben sie bereits gehört, wie man Kühe touchiert, wo man den Samen in der Gebärmutter absetzen soll und wie man den Weg dorthin findet. Aber in der Praxis?
Alles ist warm, weich und dunkel
Der Chef des Ausbildungsteams macht ihnen schmunzelnd Mut: «Es ist ganz normal, dass Anfänger erst mal nur spüren, dass sich in einer Kuh alles nur warm, weich und dunkel anfühlt.» Denn erst nach und nach lernen die Auszubildenden die nötigen Handgriffe und können mit diesen die verschiedenen Strukturen differenzieren: «Ihr müsst euren Tastsinn trainieren. Wir sind es ja sonst nicht gewohnt, mit den Fingern zu sehen», gibt Stefan den Azubis mit auf den Weg.
Es braucht Training
Solche praktischen Übungen am lebenden Tier sind für das Erlernen des Besamungsvorgangs deshalb unverzichtbar. «Das gilt sowohl für angehende Technikerinnen und Techniker als auch für Eigenbestandsbesamerinnen und -besamer», erklärt Stefan, «und genau hier liegt eine wachsende Herausforderung: Es wird immer schwieriger, geeignete Tiere und Betriebe für diese Ausbildung zu finden.» Die diesjährige Futtersituation und die derzeit noch hohen Schlachtpreise verschärfen die Situation.
Kooperation mit Mastbetrieben
«Vor 20 Jahren waren wir für die praktische Ausbildung unserer Leute noch auf verschiedenen Schlachthöfen», erzählt Stefan Buri, «doch das ist mit den eng getakteten Abläufen der modernen Schlachtbetriebe heutzutage nicht mehr möglich.» Deshalb kooperiert das Team Reproduktion seit vielen Jahren mit Landwirten, die ehemalige Milchkühe ausmästen. «Die Zusammenarbeit mit diesen Mastbetrieben ist eine Win-win-Situation: Wir haben Tiere zur Verfügung, die selbst nicht mehr in der Reproduktion stehen, und die Betriebe haben ein zusätzliches Einkommen, da sie von uns eine Entschädigung pro Tier erhalten, das sie zur Verfügung stellen.»
Plastikmodelle sind keine Alternative
Die praktischen Übungen an den Kühen sind gesetzlich geregelt: «Swissgenetics braucht für dieses Training eine Tierversuchsbewilligung von jedem Kanton, in denen sich die jeweiligen Mastbetriebe befinden,» erklärt Stefan, «das ist ein ziemlicher administrativer Aufwand für uns – aber alternativlos.» Denn das Training an Plastikmodellen werde zwar zukünftig eine immer grössere Rolle spielen, doch deren Anschaffungskosten seien zum einen hoch, je naturnaher das Modell umso teurer. «Und zum anderen fühlt sich eine lebende Kuh einfach anders an. Sie bewegt sich und die Geschlechtsorgane unterscheiden sich von Tier zu Tier. Diese korrekt beurteilen zu können, ist ein wichtiger Teil der Untersuchung auf Besamungstauglichkeit, die man nach der Ausbildung beherrschen muss. Auch körperlich muss man das Besamen trainieren: Manchmal drücken die Kühe mit dem Mastdarm so um den Arm des Touchierenden, dass es einem Anfänger regelrecht das Blut abquetscht und das Abtasten der Organe zur Herausforderung wird.» Auch die Azubis kommen nun mit genau diesen Erfahrungen nach der ersten Übungsrunde zurück: Besamungstraining kann ganz schön anstrengend sein – zumindest für die Menschen.