Mythen über die Geschlechtsbestimmung
Chueli oder Muneli
Gerüchteküche: Lässt sich das Geschlecht eines Kalbs mit einfachen Mitteln vorbestimmen?
Jutta Berger (TORO 03/23)
Nachzuhelfen, dass ein wertvolles weibliches Kalb zur Welt kommt, ist schon sehr lange ein Wunsch in der Milchviehhaltung. Ganz unterschiedliche Methoden werden zu diesem Zweck empfohlen: Ein bestimmter Besamungszeitpunkt, ein frühzeitiges Auftauen der Samendose aber auch die Beachtung der weiblichen Mondphasen. Wir haben uns gefragt: Was ist dran an diesen Mythen und welche Vorgehensweise sorgt tatsächlich für mehr Kuhkälber?
Hmmmm…
Die unterschiedlichen Vorstellungen wie sich das Geschlecht eines Nachkommen vorbestimmen lasse, stammen alle aus der Humanmedizin – wo es bei vielen Paaren diesen Wunsch mindestens genauso gibt wie in der Viehzucht. Vorreiter in diesen Überlegungen war der amerikanische Gynäkologe Landrum B. Shettles, der sich seit den 1950er Jahren damit beschäftigte. 1970 veröffentlichte er eine Theorie1, die seither viel zitiert und verbreitet wurde. Er postulierte, dass Samenzellen, die ein X-Chromosom tragen – die also für eine Tochter sorgen – länger lebensfähig und grösser wären. Er begründete dies damit, dass auch Frauen eine höhere durchschnittliche Lebenserwartung hätten als Männer und dass das weibliche Geschlechtschromosom (X) grösser sei als das männliche Y-Chromosom. Seine Theorie: Die X-Spermien schwämmen daher langsamer, wären aber länger befruchtungsfähig. Er empfahl daher Eltern, die lieber eine Tochter zeugen würden, Geschlechtsverkehr möglichst früh vor dem Eisprung der Frau. Sein Buch zu diesem Thema ist seit seiner Ersterscheinung 1971 ein weltweiter Bestseller2.
Je früher umso weiblicher?
Diese sogenannte Shettles-Methode wurde dann auf die Rinderzucht und die Besamung übertragen. Es wurde geschlussfolgert, man müsse nur früh genug in der Brunst besamen oder man solle die Samendosen verfrüht auftauen, damit die schnelleren Spermien mit dem Y-Chromosom sterben und nur die zähen, langsamen, weiblichen überleben – so gibt es sicher ein Kuhkalb. Ignoriert wurde dabei, dass schon bald zahlreiche wissenschaftliche humanmedizinische Studien der Theorie von Shettles widersprachen. Es wurde nirgends (!) der Beweis erbracht, dass sein Ansatz richtig wäre – weder in der Rückschau noch in der Planung3 gab es Hinweise darauf, dass der Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs irgendeinen Einfluss auf das Geschlecht des Kindes hätte – mehr oder weniger waren die Ergebnisse in allen Untersuchungen immer 50 : 50. Auch wurde widerlegt4, dass weibliche Spermien nennenswert grösser oder langsamer sind als männliche – sie sind auch nicht zäher oder länger lebensfähig. Dennoch hält sich diese Behauptung hartnäckig – auch im Glauben auf so manchem landwirtschaftlichen Betrieb. Ein Resultat davon: Es wird häufig viel zu früh in der Brunst besamt und es gibt daher gar kein Kalb – weder ein weibliches noch ein männliches, weil ganz einfach der Besamungszeitraum nicht stimmt.
Spermien müssen reifen
Befasst man sich mit der Biologie der Spermien nach der Besamung einer Kuh, kommt noch ein weiteres Argument gegen die Theorie von Shettles zum Tragen: Bevor sie überhaupt eine Eizelle befruchten können, müssen die Samenzellen nämlich im Eileiter der Kuh noch reifen. Sie heften sich dazu zunächst über Stunden an dessen Schleimhautzellen an, bis die Eizelle nach dem Eisprung dort ankommt. Dann lassen sie von der Innenauskleidung des Eileiters los und versuchen als erstes bei der Eizelle zu landen. Sie schwimmen also gar nicht auf direktem Weg zu ihr. Der Faktor Geschwindigkeit spielt – wenn überhaupt – nur eine untergeordnete Rolle.
Und der Mond?
In der Astrologie existieren weibliche und männliche Tierkreiszeichen. Der Mond durchläuft sie immer abwechselnd. Es gibt daher ca. alle zweieinhalb Tage eine sogenannte weibliche und dann wieder eine männliche Mondphase. Der Glaube, dass diese zum Zeitpunkt der Zeugung eine Auswirkung auf das Geschlecht des Embryos hätte, stammt ebenfalls aus der menschlichen Wunschkinderplanung. 1956 (noch vor Entwicklung jeglicher medikamentellen Verhütungsmittel) veröffentlichte der slowakische Gynäkologe E. Jonas die «kosmobiologische Empfängnisplanung»5, bei der er den Zyklus der Frau, den Sonnenwinkel zum Zeitpunkt ihrer Geburt und den Mondzyklus miteinander in Verbindung brachte und so die fruchtbaren Tage errechnete. Während seiner astrologischen Entdeckungen fand er auch heraus, dass Mädchen während der weiblichen Mondphasen gezeugt würden und Jungs entsprechend während männlichen. Zwillinge unterschiedlichen Geschlechts erklärte Jonas mit dem Wechsel der Mondphasen exakt zum Zeitpunkt der Zeugung. Er beanspruchte dabei 99 %ige Verlässlichkeit für seine Empfehlungen, blieb aber ihre wissenschaftliche Überprüfung bislang schuldig. Unterstützer seiner Theorien versuchen diese so zu erklären: Der Mond beeinflusse das Erdmagnetfeld und trenne dadurch jeweils die Y-entsprechend von den X-Spermien. Auch hierfür fehlt ein wissenschaftlicher Beweis.
Was tatsächlich funktioniert
Eine Methode, welche die weiblichen von männlichen Spermien nachgewiesenermassen trennen kann, ist das Sexen im Flowzytometer in spezialisierten Samenlaboren – z.B. im Swissgenetics-Partnerlabor von SexingTechologies® in Mülligen. Hier wird das Erbgut der Samenzellen gefärbt und diese je nach Farbintensität in einem elektrischen Feld voneinander getrennt. Die Trenngenauigkeit der Sorter wird jährlich anhand der TVD-Daten der geborenen Kälber nachgerechnet und somit kritisch überprüft. Sie bewegt sich seit Jahren durchschnittlich im Bereich von 92 % – auch in der aktuellen Auswertung von 2022. Das heisst in anderen Worten: Über neun Kälber aus zehn Besamungen haben tatsächlich das Geschlecht, das man sich wünschte. Wer also mit grosser Sicherheit ein Kuhkalb aus einer Besamung nachziehen möchte, der ist wohl am besten beraten, eine seleXYon-Dose einzusetzen.
1 L.B. Shettles (1970): Factors influencing sex ratios, Int. J. Gynecol. Obstet. 8, S. 643–647.
2 L.B. Shettles, D.M. Rorvik (1971): Your Baby’s Sex – Now You Can Choose, Bantam Books, New York
3 A.J. Wilcox et.al. (1995): Timing of sexual intercourse in relation to ovulation. Effects on the probability of conception, survival of the pregnancy, and sex of the baby, N Engl J Med., S. 1517–21
4 S. Rahman, M.G. Pang (2020): New Biological Insights on X and Y Chromosome-Bearing Spermatozoa, Frontiers in Cell and Developmental Biology, Vol.7
5 zitiert nach https://centrumjonas.com/de/dr-jonas
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