Mythos vom «Zusammendrücken der Scham»
Klemmt man die Kuh nach dem Besamen, soll das den Besamungserfolg verbessern...
Gerüchteküche: Was ist dran an diesem Tipp?
Jutta Berger (TORO 01/23)
Es existiert die Theorie, dass sowohl die Massage der Gebärmutter als auch das Zusammendrücken der Scham bzw. der dort eingelagerten Klitoris der Kuh einen Reflex auslöse: Die Muskulatur der Gebärmutter ziehe sich zusammen und pushe dadurch den Spermientransport. Der Besamungserfolg werde dadurch verbessert.
Hmmmm…
In der täglichen Besamungspraxis etablieren sich manchmal Vorgehensweisen und Handgriffe, die in Mund-zu-Mund-Überlieferung weiterverbreitet werden: «Ich hab da mal was gehört und seit ich das so und so mache, ist mein Besamungserfolg viel besser.» Der Ursprung der Theorie «ich klemm die Kuh und dann packt sie besser» stammt schon aus den 1970er-Jahren – also aus Zeiten, als die Besamung noch in den Kinderschuhen steckte. Und mancherorts hält sie sich seither. Damals war es gerade dieser Reflex, den man sich von der Massage versprach, der die noch eher dürftigen Besamungserfolge verbessern sollte.
Was bereits vor 50 Jahren unter den Tisch fiel: Es gab dazu einige wissenschaftliche Untersuchungen, die dadurch eine Steigerung des Besamungserfolgs zwar bei Kühen, nicht aber bei Rindern sahen. Schon allein dieser Umstand sollte stutzig machen. Denn der Besamungserfolg bei Kühen schwankt von Haus aus stärker als bei Rindern und ein angeblich positiver Einfluss kann deshalb auch leichter «statistisch schön» gerechnet werden.
Der Effekt verpufft
1985 (auch schon fast 40 Jahre her…) überprüfte eine Arbeitsgruppe von der amerikanischen Cornell University, NY, ob und wenn ja was an dieser «Ich-Klemm-die Kuh-Theorie» dran ist1. Sie konnten damals nachweisen, dass innerhalb der Gebärmutter tatsächlich ein höherer Druck entsteht, wenn man die Kuh an der Klitoris «leicht massiert». Die Kontraktion der Gebärmuttermuskulatur erfolgte rasch, war aber auch kurz. Die Kühe schütteten nämlich kein Oxytocin aus – das Hormon, das für eine längeranhaltende Muskelspannung in der Gebärmutter sorgen würde. Es ist also wohl ein Reflex, der über die Nervenbahnen ausgelöst wird. Und das heisst, dass dieser Effekt schnell wieder verpufft.
Kein besseres Ergebnis
Die Wissenschaftler fanden 1985 auch keinen Hinweis darauf, dass diese Vorgehensweise das Besamungsergebnis in irgendeiner Form positiv beeinflussen würde – und das in einer Studie, in der 2090 Tiere «massiert» und 2049 als Kontrollgruppe nicht gedrückt wurden. Es handelt sich also um eine Untersuchung, die eine gute statistische Aussagekraft hat. Besonders bei Rindern stellte diese Studie ausserdem nervöse Abwehrreaktionen fest, als sie an der Scham massiert wurden.
Auch viel hilft nicht viel
Man könnte sich vielleicht vorstellen, dass ein Zusammenhang zwischen der Kraft, die zum Zudrücken an der Scham aufgewendet wird und der Stärke der Muskelkontraktion in der Gebärmutter besteht. Dem ist aber nicht so! Im Gegenteil: Festes Klemmen würde der Kuh wehtun. Die Besamung darf das Tier aber nicht stressen und schon gar nicht schmerzhaft sein, sonst verschlechtert sich das Ergebnis. Denn die Stresshormone, die der Körper dann ausschüttet, stehen dem Spermientransport, der Befruchtung der Eizelle und somit einem guten Besamungserfolg bewiesenermassen im Weg. Der Besamungsdienst pflegt deshalb sehr bewusst einen guten und schonenden Umgang mit den ihm anvertrauten Tieren.
1 M.D. Copper, et.al. (1985): Uterine Contractions and Fertility Following Clitoral Massage of Dairy Cattle in Estrus, Journal of Dairy Science, Vol. 68, S. 703–708.
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