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Fremdkörper bei Kühen
Herdenhaltung|05.03.2026

Fremdkörper bei Kühen

Kühe vor verschluckten Metallteilen zu schützen, verhindert unnötige Tierverluste.

Jutta Berger, wissenschaftliche Mitarbeiterin

Seitdem Heuballen nicht mehr mit Draht gebunden werden und kaum noch Stacheldraht verwendet wird, sind Verletzungen der Vormägen unserer Kühe durch aufgenommene Fremdkörper seltener geworden – doch immer noch häufiger als viele annehmen. In den 1950er-Jahren fand man noch bei jeder vierten Schlachtkuh eingespiesste Metallstückchen. In einer dänischen Studie aus dem Jahr 2005 waren noch 10 % der geschlachteten Kühe betroffen*. Auch heute fallen in den Schweizer Schlachthöfen fast täglich Fremdkörper in Kühen auf, mit denen die Tierbesitzer nicht rechneten. Denn nur selten war eine akute Erkrankung die direkte Abgangsursache. Viel häufiger gehen die Tiere mit einem unerkannten Fremdkörper zum Schlachten, wenn dieser einen Leistungsabfall und Folgeerkrankungen verursachte.

Käfigmagnete ziehen metallene Fremdkörper an, bevor sie in der Haubenwand stecken bleiben.
Bild: Swissgenetics / jbg

Unselektiertes Schlucken

Dass Fremdkörperverletzungen bei Rindern vergleichsweise häufig auftreten, hat den Hauptgrund in deren Fressverhalten. Zur Deckung ihres Energiebedarfs nehmen die Tiere grosse Mengen Raufutter auf. Dabei fressen sie schnell, wenig selektiv und spucken kaum wieder etwas aus. Rinder kauen ihr Futter zunächst nur grob, die eigentliche Zerkleinerung findet erst beim Wiederkauen statt. Fremdkörper im Futter werden daher nicht wahrgenommen, sondern unbemerkt abgeschluckt.

Gefahr für die Haube

Auch Anatomie und Funktion des Wiederkäuermagens tragen wesentlich zur Fremdkörperproblematik bei. Er besteht aus mehreren Abteilen mit unterschiedlichen Aufgaben. Abgeschluckte Futterbissen oder wiedergekautes Futter gelangen zunächst von der Speiseröhre in einen kleinen Vorraum, der Pansen und Haube (=Netzmagen) verbindet. Leichte Futterbestandteile rutschen von dort direkt in den Pansen, der diese fermentiert. Schwerere Bestandteile sinken in die Haube. Dieser Teil des Magens sortiert die Fasern: Fein zerkleinertes Futter kommt zur weiteren Verdauung in den Blätter- und in den Labmagen. Grobe Partikel gehen zurück in den Pansen, der sie weiter aufschliesst. Für diese Misch- und Sortierfunktion hat die Haube eine sehr kräftige Wandmuskulatur und eine wabenartig strukturierte Schleimhaut. Beides macht sie besonders anfällig für eingespiesste Fremdkörper, die sich leicht in den Schleimhautwaben verhaken. Aufgrund ihres Gewichts sinken Metallteile meist auf den Boden der Haube hinunter, wo kräftige, ruckartige Muskelkontraktionen sie regelrecht in die Magenwand hineintreiben.

Bei der Fleischuntersuchung fällt das eingespiesste Drahtstückchen auf, das zur Schlachtung der Kuh führte.
Bild: zVg

Nägel, Schrauben, Draht

Besonders leicht spiessen sich gerade, spitze Eisenstücke in die Haubenwand ein. Entsprechend bestehen über 90 % der Fremdkörper aus Nägeln, Schrauben oder anderen Drahtstücken. Diese stammen häufig von gebrochenen Weidezäunen, von Umbau- und Reparaturarbeiten im und um den Stall oder gelangen über das Eingrasen in die Futterkrippe. Nach einer Studie des Tierspitals der Vetsuisse Fakultät Zürich ** kommen die meisten Fälle von Fremdkörpererkrankungen in den letzten Monaten der Winterfütterung vor.

Ein verschluckter Nagel kann im Röntgenbild sichtbar gemacht...
Bild: Vetsuisse-Fakultät Zürich, Klinik für Wiederkäuer
...und operativ aus der Kuh entfernt werden.
Bild: Vetsuisse-Fakultät Zürich, Klinik für Wiederkäuer

Entzündungen, Fieber, Schmerzen

Je nach Art, Grösse und Lage des Fremdkörpers sowie nach Dauer der Erkrankung unterscheidet man einen akuten und einen chronischen Verlauf. Bei der akuten Fremdkörpererkrankung treten die Symptome plötzlich und oft heftig auf. Die Tiere mit eingespiesstem Fremdkörper haben häufig deutliches Fieber (39,5–40,0 °C). Die Temperatur ist aber meist nur über ein bis zwei Tage erhöht und fällt danach wieder ab. Ein aufgezogener Bauch und aufgekrümmter Rücken zeigen die Bauchschmerzen. Die Tiere knirschen mit den Zähnen und stehen häufig mit gestrecktem Hals und Kopf. Oft sind sie ganz plötzlich appetitlos und der Pansen ist leicht gebläht. Sie bewegen sich nur langsam, liegen nicht gerne ab und stehen nur widerwillig wieder auf. Es braucht schnell tierärztliche Hilfe, um ein Weiterwandern des Fremdkörpers und bleibende Schäden frühzeitig zu verhindern.

In der Bauch- oder Brusthöhle

Wenn der Fremdkörper die Haubenwand vollständig durchstösst und dabei Keime in die Bauchhöhle einträgt, verursacht dies mindestens eine lokale Bauchfellentzündung. In der Folge verkleben und verwachsen Magen und Bauchwand häufig miteinander, was die Funktion der Verdauung beeinträchtigt. In ungünstigen Fällen breitet sich die Entzündung aus, es entstehen eitrige Abszesse in der Bauchhöhle oder der Fremdkörper wandert weiter und verletzt andere Organe. Besonders gefährdet sind aufgrund der anatomischen Lage das Herz, der Herzbeutel, die Lunge und die Milz. In manchen Fällen fällt der Fremdkörper auch wieder in die Haube zurück, wo er sich mit der Zeit durch Korrosion auflöst oder abkapselt.

Verschluckte Fremdkörper stechen meist am Boden der Haube ein (roter Bereich). Wenn sie von dort weiter in Richtung Brusthöhle wandern, verursachen sie aufgrund der Nähe zum Herzen auch hier erhebliche Schäden. Häufig bleiben sie im Herzbeutel stecken, wo sie zu starken Verklebungen führen. Das Herz kann nicht mehr richtig schlagen.
Bild: Swissgenetics

Chronische Verdauungsstörungen

Bei kurzen oder nur langsam vordringenden Fremdkörpern sind die Symptome oft weniger ausgeprägt und leicht zu übersehen. Es entwickelt sich ein chronischer Verlauf mit schleichenden Veränderungen über Wochen oder Monate. Typischerweise sind die Verdauung, Pansenbewegungen und Wiederkautätigkeit reduziert. Der Kot wird trocken und fest, da er vermehrt unverdautes Futter enthält. Die Tiere kränkeln und nicht selten wird ein Fremdkörper eben erst als Zufallsbefund bei der Schlachtung festgestellt, wenn das Tier aufgrund schlechter Leistung oder Unfruchtbarkeit abgegangen ist.

Fremdkörperproben

Um einen Fremdkörperverdacht zu erhärten, braucht es eine sorgfältige tierärztliche Untersuchung mit verschiedenen Tests. Der einfachste ist der Rückengriff, bei dem am Ende des Einatmens die Haut am Widerrist aufgezogen wird. Tiere mit Fremdkörperproblem biegen dabei in der Regel den Rücken stark nach unten und ächzen leise wegen der ausgelösten Schmerzen. Auch auf Druck von unten gegen das Brustbein reagieren sie oft mit Schmerzzeichen. In einer Blutprobe sind typische Entzündungswerte erhöht. Je nach Ausstattung benutzen manche Tierarztpraxen zur sicheren Diagnose einen Metalldetektor oder machen den Fremdkörper im Ultraschallbild sichtbar. Viele Rinderkliniken setzen auch Röntgengeräte zur Diagnostik ein.

Einfache Behandlung oder Operation

Die Behandlung richtet sich nach Schweregrad und Verlauf der Erkrankung. In frühen Fällen können die Eingabe eines Käfigmagneten plus eine entzündungshemmende Behandlung ausreichend sein. Hilft diese simple Methode nicht, kann ein Chirurg versuchen, den Fremdkörper operativ zu entfernen. Die Prognose ist umso günstiger, je früher die Erkrankung erkannt und behandelt wird. Steckt der Fremdkörper bereits im Herzbeutel oder ist der gesamte Bauchraum vereitert, ist das Tier nicht mehr zu retten.

Magnete prophylaktisch eingeben

Vorrangig gilt es, das Vorkommen von Fremdkörpern im Futter möglichst zu verhindern. Das bedeutet, dass man bei Reparaturarbeiten im und um den Stall, in der Nähe von Futterlagern sowie auf der Weide alle Nägel, Drahtteile und andere Metallreste sorgfältig einsammelt und entsorgt. Auch der Einsatz von Magnetabscheidern am Futtermischwagen kann das Risiko deutlich senken. Einen wirksamen Schutz bietet zudem die prophylaktische Eingabe eines Käfigmagneten in die Vormägen. Metallische Fremdkörper bleiben dort haften und werden so unschädlich. Bei fachgerechter Eingabe sinkt ein solcher Magnet aufgrund seines Gewichts (ca. 150 g) in die Haube und verbleibt dort in der Regel lebenslang. Nur sehr selten kommt er beim Wiederkauen wieder nach oben.

Ein Käfigmagnet wird mit einem stabilen Eingeber über das Maul verabreicht.
Bild: Swissgenetics

Eine Fremdkörpererkrankung kann jede Kuh treffen

Um schwerwiegende Schäden durch Fremdkörper zu vermeiden, gilt es:

  • Zum Schutz vor Fremdkörpererkrankungen prophylaktisch Käfigmagnete eingeben.
  • Futtermischwagen mit Magnet ausstatten.
  • Bei Reparaturarbeiten im und um den Stall, in der Nähe von Stroh- und Futterlagern oder auf der Weide Nägel und Drähte gewissenhaft entsorgen.
  • Das Fress- und Wiederkauverhalten überwachen.
  • Bei Fremdkörperverdacht schnell tierärztliche Hilfe beiziehen, um Komplikationen und unheilbare Schäden zu verhindern.

*→T. Cramers et.al, 2025, New types of foreign bodies and the effect of magnets in traumatic reticulitis in cows, Vet. Rec.
**→U. Braun et.al, 2020, Clinical and laboratory findings in 503 cattle with traumatic reticuloperitonitis, BMC Veterinary Research.