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Sommerzeit ist Zeckenzeit
Biosicherheit|25.06.2026

Sommerzeit ist Zeckenzeit

Die Vorstellung, dass eine Zecke Krankheitserreger auf Menschen und Tiere überträgt, ist eklig. Im Frühsommer steigt die Aktivität dieser Parasiten und somit die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich an Mensch und Tier festbeissen. Mit oft fatalen Folgen.

Léonie von Tavale (TORO 05/22)

Es ist allgemein bekannt, dass Zecken Krankheiten verbreiten. Auch bei uns gibt es Fälle, bei denen Zecken Krankheitserreger auf Kühe und Rinder übertragen. Oft denkt man allerdings gar nicht an diese Möglichkeit, wenn Kühe plötzlich krank von der Weide kommen.

Zecken sind mehr als nur lästige Blutsauger.
Bild: www.pixabay.com

Von der Weide krank zurück

Landwirt Rolf erzählt: «Meine Kühe weiden oft auf Wiesen, die an den Wald grenzen. Ist halt so in der Hügelzone in unserem Land. Anfang letzten Sommer kam eine Kuh mit hohem Fieber von dort zurück und war völlig von der Milch gefallen. Dass sie Zecken hatte, ist auf unseren Weiden schon fast normal. Drei andere Kühe zeigten innert weniger Tage ähnliche Symptome. Mir machte das Ganze ziemlich Angst.»

Schnelle Besserung, aber Spätfolgen

Zum Glück halfen die Antibiotika gut, die alle betroffenen Tiere von Rolfs Tierärztin Laura über mehrere Tage verabreicht kriegten. «Trotzdem musste ich später eine Kuh schlachten, weil ihre Milchleistung einfach zu gering blieb», berichtet der Landwirt, «Die Tierärztin hatte den Verdacht, dass es sich um eine Krankheit handeln könnte, die von Zecken übertragen wird. Von den Symptomen her tippte sie auf Anaplasmose oder Ehrlichiose. Das hätte in Blutproben herausgefunden werden können. Wir verzichteten damals aus Kostengründen auf diese Abklärung. Aber wir behandeln unsere Kühe seither konsequent mit einem Insekten-Blocker. Die Kühe haben damit merklich weniger Zecken, wenn sie von der Weide kommen und keine Kuh ist mehr so dramatisch erkrankt seither.» Rolf berührt Holz bei dieser Aussage. Der Landwirt weiss, dass dies kein konsequenter Schutz gegen Zecken ist, aber der Befall ist damit geringer und somit der Infektionsdruck auf seine Kühe weniger hoch. Laura riet ihm zudem, die Weidestellen, die nachweislich stark mit Zecken befallen waren, auszuzäunen. Auf seinem Weidegebiet ist das aber keine einfache Sache. «Bei einem Kaffee am Küchentisch erklärte mir Laura einige Wochen nach diesem Fall die häufigsten Krankheiten, die von Zecken übertragen werden können», erzählt der Landwirt weiter.

Die Anaplasmose

Die Anaplasmose kommt weltweit vor und betrifft alle Arten von Wiederkäuern, die auf Weiden gehalten werden. Die Krankheitserreger sind Bakterien, die über blutsaugende Insekten, am meisten über Zecken, auf ihre Wirte übertragen werden. Typische Krankheitssymptome sind Blutarmut, was an blassen Hautstellen (Euter, Flotzmaul) zu erkennen ist, drastischer Milchrückgang und ab und zu Aborte. Weil die Erreger auch intrauterin übertragen werden können, ist es möglich, dass Kälber als latente Träger zur Welt kommen, aber selbst nicht erkranken. Beisst eine Zecke so ein Trägertier, nimmt sie mit der Blutmahlzeit Erreger auf und kann diese bei einem anderen Tier wieder streuen. Erkrankte Tiere können im Frühstadium erfolgreich mit Antibiotika behandelt werden, nachdem die Erreger im Blut nachgewiesen worden sind. Der letzte dramatische Fall eines Anaplasmose-Ausbruchs in der Schweiz fand vor 20 Jahren im Kanton Graubünden statt. 300 Tiere mussten getötet werden. Laura erinnert sich, weil sie damals studierte.

Die Ehrlichiose

Diese Krankheit ist besser bekannt als «Zecken- oder Weidefieber» und hat Laura den Sechser im Staatsexamen versaut, weil sie zu wenig darüber Bescheid geben konnte. Auch hier sind die Erreger Bakterien (Ehrlichien), die am stärksten durch die Zecke «gemeiner Holzbock» verbreitet werden. Betroffen sind am häufigsten Tiere (oft Rinder) nach dem Frühjahresaustrieb auf mit Zecken befallenen Weiden. Sie erkranken meist innerhalb zweier Wochen plötzlich heftig. Hohes Fieber über 41 °C, ein eingefallener Pansen wegen verminderter Futteraufnahme und bei laktierenden Tieren ein drastischer Milchrückgang innerhalb Stunden sind typische Symptome. Atemwegssymptome wie schnelle Atmung und Nasen ausfluss sowie Aborte sind weniger häufig. Hohe Dosen Antibiotika über mehrere Tage verschaffen meist Heilung, nachdem eine Blutuntersuchung die Infektion bestätigte. Eine reduzierte Milchleistung kann oft nicht mehr kompensiert werden, sodass Abgänge in Kauf genommen werden müssen. Genesene Tiere weisen normalerweise eine gute Immunität auf, was auch erklärt, weshalb mehr Jungtiere beim erstmaligen Weideaustrieb betroffen sind. Eine sinnvolle Prophylaxe wäre also, Jungtiere beim ersten Weideaustrieb auf zeckenarme Weiden auszulassen und allenfalls mit einem Zeckenmittel zu versehen.

Die FSME

Diese vier Buchstaben stehen für die beim Menschen gut bekannte Frühsommer-Meningoenzephalitis, also der Hirnhautentzündung, die durch Zecken übertragen werden kann. Der Erreger ist das FSME-Virus. Es helfen deshalb keine Antibiotika, aber für die Menschen gibt es eine Impfung zur Prophylaxe. Laura erwähnt, dass sie geimpft ist und Folgendes auch nicht gewusst hatte: Rinder erkranken nicht an FSME, sie können das Virus jedoch über die Milch verbreiten. Gemäss BLV-Merkblatt bleibt das Virus in Rohmilch und Butter bis zwei Monate aktiv. Durch Pasteurisierung der Milch wird der Erreger abgetötet. Viel häufiger als über Milch infizieren sich Menschen jedoch direkt über infizierte Zecken. In der Schweiz gibt es regionale Häufungen mit infizierten Zecken. Weitere Infos dazu findet man beim BAG. Nach heutigem Wissensstand besteht für Rinder keine Gefahr durch das FSME-Virus.

Die Babesiose

Die «Hundemalaria» oder Weidehämoglobinurie, wie die Babesiose auch genannt wird, kommt weltweit vor. Laura meint, dass sie in unseren Breitengraden wegen des Klimawandels vermehrt diagnostiziert werden wird. Hunde sind bisher am meisten betroffen. Die Babesien werden, wie die Ehrlichien, meist durch die Zecke «gemeiner Holzbock» übertragen. Die Blutparasiten befallen die roten Blutkörperchen, vermehren sich darin und lösen diese auf (analog der Malaria beim Menschen). Haut und Schleimhäute werden deswegen bleich und später gelblich. Bei stark kranken Tieren ist der Harn von zerfallenden roten Blutzellen braun verfärbt. Man spricht deshalb von «Hämoglobinurie». Typische Symptome sind Schwäche mit Fieber und eine sinkende Milchleistung. Laura las zudem nach, dass es viele Babesien-Arten gibt, die meist wirtsspezifisch sind und intrauterin übertragen werden können. Die Diagnose gelingt am ehesten durch einen Blutausstrich. Behandlungen sind mit spezifischen Antiparasitika möglich. Nichtbehandelte Tiere sterben an Blutarmut. Die Prophylaxe besteht auch hier in der Zeckenbekämpfung bzw. Auszäunung von stark mit Zecken befallenen Weidegebieten.

Die Coxiellose

Zum Schluss erwähnt Laura die von den erwähnten Krankheiten am häufigsten vorkommende Coxiellose bzw. das Q-Fieber. Sie sagt, dass es eine gefährliche Zoonose ist, die bei der Frau und dem Rind Aborte auslösen kann. Nach diesem Gespräch wird sich Rolf wieder mal so richtig bewusst, was die Natur sich alles einfallen lässt und dass er nicht wusste, dass Zecken Bakterien, Viren und sogar Parasiten auf Rinder übertragen können: «Sauviecher! Aber irgendwie faszinierend», denkt er.

Eine typische Weide in der Schweiz: hügelig und an Waldrand grenzend. Hier kommen Zecken gehäuft vor.
Bild: Swissgenetics