Stierauswahl
Für jede Herde die richtigen Stiere
Eine Umfrage zur Auswahl von KB-Stieren auf Schweizer Milchviehbetrieben.
Janine Braun, HAFL Zollikofen (TORO 02/22)
Die Schweizer Milchviehzucht ist vielfältig. Rund 19’000 Betriebe haben unterschiedliche Betriebs- und Zuchtstrategien. In einem gemeinsamen Projekt untersuchten die HAFL und Swissgenetics, ob Betriebe mit vergleichbaren Gegebenheiten auch ähnliche Kriterien bei der Auswahl von KB-Stieren berücksichtigen. Man befragte dazu 2021 rund 15’000 Nutzer/-innen der App Smart-Cow.
Typische Schweizer Betriebe
Die Auswertung umfasst die Antworten von 3’261 Betrieben, deren durchschnittliche Herdengrösse bei 30 Milchkühen liegt. Ihre Verteilung auf die Zonen deckt sich mit den Zahlen der Schweizer Milchstatistik aus 2019 (32 % in der Talzone, 17 % Hügelzone und 51 % Bergzone I-IV). Insgesamt 16 % der Betriebe produzieren nach Bio Suisse- oder Demeter-Richtlinien. Hauptrasse ist am häufigsten Braunvieh (33 %) mit Zuchtrichtung BS, gefolgt von Red Holstein (20 %) und Swiss Fleckvieh (18 %). Mitglied bei einer Zuchtorganisation sind 80 % der befragten Betriebe. Aufgrund dieser Angaben wird gefolgert, dass sie repräsentativ für die schweizerischen Milchviehbetriebe sind.
Diverse Betriebsprofile
Die Hälfte der Betriebe halten ihre Milchkühe im Anbindestall und melken mit Rohrmelkanlage oder Standeimer. Die andere Hälfte mit Laufstall melkt zu 77 % im Melkstand. Die Faktoren Melk- und Stallsystem stehen in enger Beziehung mit der Herdengrösse. Die erwarteten Zusammenhänge zwischen Zone, Alpung und saisonaler Abkalbung bestätigen sich: Die Mehrheit der 468 Betriebe in Bergzone III+IV alpt im Sommer die gesamte Herde (85 %) und die Kühe kalben saisonal (63 %). Diese Betriebe haben einen höheren Anteil an TS-Verzehr auf der Weide und halten vermehrt Zweinutzungsrassen (OB, SI oder SF).
Milchleistung und Kraftfuttereinsatz
Die Frage nach der mittleren Milchleistung pro Kuh und Jahr beantworten die Mehrheit der Betriebe (57 %) mit dem Bereich 6’000 bis 7’999 kg, gefolgt von 8’000 bis 9’999 kg (29 %) und unter 6’000 kg Milch (10 %). Vier Prozent der Betriebe melken 10’000 kg und mehr. Von den 246 Betrieben mit der Hauptrasse Holstein erreichen 78 % eine Milchleistung von über 8’000 kg pro Kuh und Jahr, und 60 % von ihnen setzen über 600 kg Kraftfutter pro Kuh und Jahr ein. Neben der Rasse besteht auch ein mittlerer Zusammenhang zwischen dem jährlichen Kraftfuttereinsatz und den Produktionsrichtlinien (ÖLN, Bio, Demeter).
Auswahl von KB-Stieren
Von den 3’261 Betrieben nutzen 68 % ausschliesslich KB-Stiere zur Remontierung ihrer Milchkühe. Der Einsatz gesexter Samendosen ist sehr unterschiedlich: Knapp ein Drittel verwendet gar keine gesexten Samendosen, während fünf Prozent der Betriebe ausschliesslich seleXYon-Dosen einsetzen. Die Hälfte gibt an, dass sie sich bei der Stierenauswahl für eine Besamung nicht beeinflussen lassen. Ein Viertel fällt den Entscheid zusammen mit Familienangehörigen und 17 % lassen sich vom Besamungsdienst beraten. Die Frage, ob ein Paarungsplaner einer Zuchtorganisation für die Stierenauswahl genutzt wird, bejahten 14 % der Antwortenden.
Berücksichtigung von Zuchtwerten
Ein wichtiger Teil der Umfrage ist der Berücksichtigung von Zuchtwerten bei der Auswahl von KB-Stieren gewidmet. Lediglich drei Prozent der Befragten nutzen dazu keine Zuchtwerte. Auf die Fragen nach der Wichtigkeit der verschiedenen Indizes (Gesamtzuchtwert, Milchwert, Fitnesswert, Exterieur und Fleischzuchtwert) bei der Auswahl von KB-Stieren geben 72 % der Antwortenden an, dass sie den Teilzuchtwert Milch regelmässig beachten. Auch die Indizes Exterieur, Fitness und der Gesamtzuchtwert spielen bei 60 % der Betriebe eine Rolle. Jeder Betrieb wurde zu den drei wichtigsten Einzelmerkmalen bei der Auswahl von KB-Stieren befragt. Der Zuchtwert Milchgehalt (Fett und Eiweiss) wird am häufigsten (19 %) gewählt, gefolgt von Milch kg (18 %), Zellzahl/Mastitisresistenz (15 %) und Fruchtbarkeit (14 %).
Ausschlusskriterien und Label
79 % der Betriebe arbeiten bei der Stierenauswahl mit Ausschlusskriterien wie schlechte Zuchtwerte in Zellzahl/Mastitisresistenz (21 %), Milch kg (16 %), Fruchtbarkeit und Geburtsablauf/Normalgeburten (je 12 %). Das Weide-Logo wird von 50 % der Betriebe als wichtig oder sehr wichtig bei der Auswahl von KB-Stieren beurteilt, gefolgt vom Käse- (42 %), dem Kleeblatt- (31 %) und dem Robotertauglichkeits-Logo (13 %).
Folgerungen
Aufgrund der Betriebsangaben können die Betriebe gruppiert werden. In allen Betriebsgruppen sind die Merkmale Milchleistung, Inhaltsstoffe und Eutergesundheit für die Auswahl von KB-Stieren wichtig. Schlechte Milchleistung, Zellzahlen, Fruchtbarkeitsindizes und ein schwerer Geburtsverlauf gelten als wesentliche Ausschlusskriterien. Innerhalb von drei eher kleineren Betriebsgruppen (Milchproduktion mit Zweinutzungsrassen, Verwendung Milch für die Kälbermast, Melken mit Roboter) können gruppenspezifische Muster bei der Auswahl von Zuchtstieren beobachtet werden. Für die anderen, zahlenmässig häufigeren Betriebsprofile (z.B. Milchproduktion intensiv, Milchproduktion Weide) ist die Herleitung von allgemeingültigen Zuchtstrategien dagegen schwierig. Denn die Vielzahl der verfügbaren Merkmale werden in der Praxis unterschiedlich gewichtet. Ein breites KB-Angebot von Swissgenetics über alle Rassen ist daher unbedingt nötig. Damit Betriebe einen für ihre Vorstellungen passenden Stier einfacher auswählen können, braucht es eine Weiterentwicklung der verfügbaren Instrumente wie die Stierenliste auf der Homepage von Swissgenetics und in SmartCow. Diese Hilfsmittel vereinfachen und optimieren die Suche nach den richtigen Stieren für die jeweilige Herde.
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