Der Harnstoff und die Eiweissversorgung

Harnstoff und Bedingungen im Pansen

Der Harnstoffgehalt der Milch spiegelt die Eiweissversorgung (Rohprotein) der Mikroben im Pansen und somit auch die der Kuh wider. Er lässt direkte Rückschlüsse über die Umbauvorgänge im Pansen zu.

Mikroben bauen Protein ab

Das Rohprotein der Ration wird im Pansen durch die Mikroben zu Ammoniak abgebaut. Die Pansenmikroben ernähren und reproduzieren sich mit diesem Stickstoff bzw. dem Ammoniak. Sie nutzen dazu die Energie, die durch die Fermentation der Kohlenhydrate verfügbar wird

Leber entgiftet Ammoniak

Ein kleinerer Teil des entstehenden Ammoniaks gelangt durch die Pansenwand ins Blut. Ammoniak selbst ist sehr giftig. Damit sich die Kuh nicht vergiftet, wird das Ammoniak in der Leber zu Harnstoff umgebaut und hauptsächlich über den Harn ausgeschieden. Beim Transport von der Leber zur Niere bleibt in allen stark durchbluteten Organen, also auch im Euter, Harnstoff hängen und ausgeschieden.

Gute Lebensbedingungen im Pansen

Liegen die Harnstoffwerte der Herde zwischen 20 – 30 mg/dl Milch, zeigt dies hinsichtlich der Proteinversorgung eine ausgewogene Fütterung an – die Lebensbedingungen der Pansenmikroben sind ideal. Je mehr Kühe mit ihrem Harnstofffwert ausserhalb dieser Grenzen liegen, umso unausgewogener ist die Ration. Es liegen Fehler in der Fütterung vor!

Jahreszeitliche Schwankungen

Die Verlaufsgrafik der Harnstoffgehalte kann Dir jahreszeitliche resp. rationsbedingte Schwankungen im Rohproteingehalt (pansenabbaubares Protein – APDN) Deiner Ration aufzeigen.

Monatliche Kontrolle

Weil der Proteingehalt im Grundfutter je nach Witterung während des Pflanzenwachstums und bei der Ernte schwankt, solltest Du den Harnstoffgehalt in der Milch regelmässig (mindestens monatlich) kontrollieren – auch wenn Du ganzjährig Silage oder TMR verfütterst. Was im Vormonat noch perfekt war, kann rasch nicht mehr passen. Der Zielbereich zwischen 20 – 30 mg/l stellt dabei eine gute Kenngrösse dar.

Laktationsgruppen vergleichen

Aufgrund der Genauigkeit der Harnstoffmessungen in der Milch müssen aber gewisse Grundregeln eingehalten werden:

  • Du darfst die Die Analyse nicht auf ein Einzeltier bezogen werden.
  • Du musst die Stoffwechsellage in der Herde nach Laktationsabschnitten beurteilen.
  • Du vergleichst deshalb sämtliche Tiere innerhalb eines Laktationsabschnittts als Gruppe.

Tiefer Harnstoffgehalt

Ein Harnstoffgehalt von weniger als 20 mg/dl weist auf einen Mangel an Rohprotein, resp. an pansenabbaubarem Protein (APDN) hin.

Ursachen tiefer Harnstoff

Wenn im Pansen zu wenig Rohprotein bzw. APDN ankommt, fällt auch nur wenig Ammoniak an, der zu Harnstoff entgiftet wird. Die Pansenmikroben sind unterfüttert, die Verdauung im Pansen stockt. Die Kuh verwertet das Futter nur schlecht, was in Stoffwechselproblemen in der Startphase enden kann.

Tiefer Harnstoff, was tun? – Praxis-Tipp

  • Überprüfe auch das Harnstoff-Eiweiss-Verhältnis
  • Überprüfe die Zusammensetzung Deiner Ration. Wieso ist sie nicht ausgeglichen?
  • Setze mehr Proteinträger im Grundfutter ein: z.B. Grassilage oder Treber
  • Ändere oder steigere Deine Ergänzungsfütterung: Das Proteinkonzentrat braucht ein weiteres APDE/APDN-Verhältnis, resp. viel APDN

Folgen des Rohproteinmangels

Bei längerer Unterversorgung mit pansenabbaubarem Protein (APDN)

  • bricht die Milchleistung ein
  • ist die Wägepersistenz schlecht
  • bekommt die Kuh Stoffwechselprobleme, da der Pansen nicht rund läuft. 

Hoher Harnstoffgehalt

Ein hoher Harnstoffgehalte in der Milch (< 30 mg/dl) zeigt an, dass im Pansen deutlich mehr Ammoniak anfällt als die Pansenmikroben aufnehmen und der eigenen Proteinsynthese zuführen können.

Ursachen hoher Harnstoff

Ein Proteinüberschuss kann zwei Gründe haben: Entweder gibt es im Pansen zu viel pansenlösliches Protein (APDN) oder zu wenig pansenverfügbare Energie (APDE).

Hoher Harnstoff im Herbst

Typisch sind hohe Harnstoffgehalte bei der Verfütterung von proteinreichem aber energiearmem Herbstgras. Weidebetriebe oder Betriebe mit grasbetonter Fütterung, müssen deshalb im Spätsommer / Herbst den Harnstoffgehalt gut im Auge behalten und gegensteuern. Das ist insbesondere dann ganz wichtig, wenn Du in dieser Zeit viele Tiere hast, die du besamen möchtest.

Hoher Harnstoff, was tun? – Praxis-Tipp

Oft ist es schwierig hohe Harnstoffwerte zu ändern. Insbesondere, wenn die Ration nur proteinreiche Komponenten enthält oder im Herbst möglichst viel Gras verfüttert werden soll.

  • Überprüfe auch die anderen Milchinhaltstoffe und das Harnstoff-Eiweiss-Verhältnis
  • Mit energiereichen Futtermittel wie Mais oder Getreidemischungen kannst Du die Situation zumindest bei Deinen Startphasekühen entschärfen.

Folgen des Proteinüberschuss

Ist der Harnstoffgehalt in der Milch zu hoch, folgen

  • Symptomloses Umrindern, embryonaler Frühtod
  • eitriger Ausfluss
  • Störungen der Leberfunktion, die durch die Entgiftung des Ammoniaks stark belastet ist.
  • Infektionen (z.B. Euterentzündungen, Panaritien, Mortellaro), da das Immunsystems bei gestörter Leberfunktion schwach ist.
  • Belastung des Stoffwechsels durch die energieaufwändige Entgiftung

Direkte Auswirkungen auf Embryo

Bei Proteinüberschuss in der Ration ist auch im Scheidensekret, im Brunstschleim, und in der Follikelflüssigkeit rund um die Eizelle ist der Harnstoffgehalt erhöht. Insbesondere sinken durch den Harnstoff auch der pH-Wert und die Mineralstoff-Konzentrationen im Nährschleim der Gebärmutter. Das erschwert einem Embryo das Anwachsen in der frühen Trächtigkeit. Auch die Synthese des Trächtigkeitshormons Progesteron wird gebremst und die von Prostaglandin stimuliert. In der Folge all dieser Phänomene rindern Kühe mit hohen Harnstoffwerten oft symptomlos um.

Eitriger Ausfluss

Bei manchen Kühen reizt der Harnstoff die Gebärmutterschleimhaut so sehr, dass sie trüben oder sogar eitrigen Ausfluss bekommen. Insbesondere, wenn viele Kühe im Betrieb aufs Mal anfangen „zu drecken“, musst Du den Harnstoffwert überprüfen!

Tragende Kühe

Zeitlich begrenzte hohe Harnstoffwerte sind eher unproblematisch, wenn gerade nur wenige Tiere zum Besamen anstehen. Kühe im mittleren Trächtigkeitsdrittel stecken sie besser weg.

Achtung in der Galtphase

Allerdings gibt es Vermutungen, dass ein Proteinüberschuss in der Ration und nachfolgend viel Harnstoff im Körper der Kuh während der Galtphase die Vitalität des Kalbs negativ beeinflussen können.

Ausnahmefall: Ammoniakvergiftung

In seltenen Fällen nehmen Tiere grosse Mengen Stickstoff- oder Ammoniumverbindungen aufs Mal auf, z.B. bei nicht sachgerechtem Einsatz von Futterharnstoff oder erst kürzlich kopfgedüngtem Grünfutter. Ihre Leber kommt dann mit der Entgiftung der hohen Ammoniak-Mengen, die daraufhin im Pansen entstehen, nicht nach. Die Tiere krampfen, zittern und speicheln bereits eine halbe Stunde später. Auch Kühe mit Leberversagen, bei denen die Ammoniak-Entgiftung nicht mehr funktioniert, können solche Vergiftungserscheinungen zeigen.

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